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Leisetreter -
Der Gehörschutz-Blog

Was passiert im Gehirn wenn wir hören?

Mal ehrlich: Wenn ein Mensch mit dem Titel „Prof. Dr. med. Dr. phil.“ vorhat, uns zu erklären, wie das Hören funktioniert, dann flüchten viele von uns innerlich und erwarten unverständliche Zusammenhänge. Manchmal ist diese Flucht durchaus berechtigt.

Ganz anders ist das jedoch, wenn Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer auf der Bühne erscheint. Aus „Physiologie des Hörens“ wird bei ihm „Vom Wackeln zum Hören“. In seiner unvergleichlich lebhaften und bildhaften Art schafft er es, Menschen in nur 15 Minuten einen Eindruck von wichtigen Abläufen im Ohr und in der zentralen Verarbeitung zu vermitteln. Das ist bemerkenswert.

Wer schon immer einmal verstehen wollte, wie das Richtungshören beim Menschen funktioniert, der sollte das Spitzer-Video nicht verpassen.

Erschienen ist dieser Ausflug in die Welt des Hörens als Folge der Reihe „Geist und Gehirn“ im Rahmen von BR-alpha. Hier geht’s zur Seite des Videos beim Bayrischen Rundfunk.

Von Fluggeräuschen und Ohrenkneifern

Ein Video-Otoskop ist für viele Dinge gut. Hörakustiker benutzen es zum Beispiel, um die Gehörgänge ihrer Kunden zu kontrollieren.

Ein befreundeter Kollege machte vor kurzem einen ganz besonderen Fund beim Blick mit dem Otoskop in das Ohr einer Kundin:

Darin lag eine Fliege. Wie das Tier dort hinein gekommen ist und wie lange es da schon drin war ist nicht bekannt. Dass es überhaupt unbemerkt (!) hinein gelangte ist jedoch erstaunlich. Zum einen muss die Fliege einen Höllenlärm veranstaltet haben als ihr bewusst wurde, dass sie da in einer Sackgasse steckt. Man stelle sich die Flügelschläge so knapp vor dem Trommelfell und die dazugehörige Lautstärke vor. Zum anderen sind solche Gehörgangsbesucher eher von seltener Natur. Ein Grund dafür ist unter anderem das Cerumen (Ohrenschmalz) im Gehörgang. Darin enthalten sind Geruchsstoffe, die viele Insekten aus dem Gehörgang fernhalten.

So kommt es auch, dass der gemeine Ohrenkneifer nicht in die Ohren kriecht und kneift, sondern seinen Namen erhielt, weil er in der Antike in pulverisierter Form gegen Ohrenkrankheiten als Medizin gereicht wurde.

Musik sichtbar machen

Musik ist etwas für die Ohren. Augen zu – und genießen.
Dass Musik durchaus auch etwas für die Augen sein kann, macht die 3D-Animationsschmiede „Korb“ im Musikvideo „I’ll be gone“ deutlich.

Die wichtigsten Instrumente der Musik von Mario Basanov & Vidis feat. Jazzu werden dabei von Oszillographen in Splitscreendarstellung gezeigt. Faszinierend, Musik auf diese Weise zu hören. Pardon: zu sehen.

Sexuell attraktive Stimmlagen

Nun ist also bewiesen, was wir doch im Grunde genommen schon immer wussten: Barry White war sexy. Obwohl er eigentlich gar nicht sexy war. Denn er klang sexy. Seine samtig tiefe Stimme ist der Inbegriff dessen, was die Forscher in der „Evolutionary Psychology“ mit besonderer sexueller Attraktivität in Zusammenhang bringen, so eines der Ergebnisse der Untersuchung an 115 heterosexuellen Probanden.

Interessant ist auch ein Nebenschauplatz: Männern mit tiefen bzw. Frauen mit hohen Stimmen wird von Zuhörern auch größere Neigung zum Fremdgehen unterstellt gehen.

Den kompletten englischen Text aus der „Evolutionary Psychology“ kann man im Blogbeitrag von Jürgen Schönstein auf scienceblogs.de abrufen.

Dass es von jeder Regel auch Ausnahmen gibt macht vermutlich Verona Pooth am deutlichsten.

Die Barry-White-Skizze stammt
von Crimson Cherry Blossom

Druckluftfanfare: Das Gehör zuverlässig zerstören

Die meisten Leute finden es lustig:

Mir treibt dieser kurze Spot das kalte Grausen ins Gesicht. Hoffen wir für die Akteure, dass es ein Fake war und dass der Möchtegern-Karatekid Ohrstöpsel trug, als er mit der Drucklufttröte beschallt wurde. Diese Druckluftfanfaren erzeugen nämlich Pegel jenseits der 110 Dezibel. Da werden gerne mal 115 dB gehandelt. Und jetzt kommt der Clou: Diese Lautstärken werden im Labor gemessen, in der Regel mit mindestens einem Meter Abstand zum Mikrofon.

Bei diesem Angriff ist also wohl davon auszugehen, dass Pegel in einer Größenordnung erreicht wurden, die zu einer sofortigen Schädigung des Gehörs geführt haben. Sofort – und endgültig. Schäden durch solche Lärmereignisse zerstören die empfindlichen Haarsinneszellen im Inneren der Hörschnecke sehr zuverlässig. Einmal ausgerissen oder abgeknickt wachsen diese Sinneszellen nicht mehr nach. Was bleibt ist ein Hörverlust, oder ein Tinnitus, oder gar beides.

Warum ich das schreibe? Weil ich mir sehr gut vorstellen kann, dass sich das ganze schnell zum lustigen Partygag entwickelt. Immerhin knapp eine Million Menschen haben sich auf YouTube bereits darüber amüsiert.

Die Druckluft-Fanfaren sind überall frei verkäuflich und das Opfer muss nicht mal schlafen, um damit eindrucksvoll erschreckt zu werden. Und wer weiß schon, dass ein Beinbruch im Gips nach einigen Wochen verheilt, ein Ohr mit Lärmschaden jedoch ein Leben lang schlecht hört?

Chat im Grünen: Wie kommunizieren Pflanzen?

Wer mit Pflanzen spricht, wurde noch vor einigen Jahren oder Jahrzehnten belächelt. Heutzutage wissen die meisten: Durch Sprache oder Musik lässt sich das Gedeihen von Pflanzen tatsächlich positiv beeinflussen – auch wenn allzu lange Unterhaltungen mit dem Ficus Benjamini im Wohnzimmer auf Dauer zu Fehldiagnosen der Mitmenschen führen können.

Wissenschaftler interessiert nun auch zunehmend die echte Kommunikation von Pflanzen untereinander. Und sie haben erste Anzeichen dafür gefunden. Auf der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science (AAAS, Herausgeberin der Zeitschrift Science) ging es unter anderem um das Thema: Wie kommunizieren Pflanzen untereinander?

Die Ergebnisse erinnerten mich, das muss ich zugeben, an Szenen aus dem Film „Avatar“. Pflanzen kommunizieren nämlich über die Wurzeln. Zwar ist der Empfang von Signalen noch nicht in Gänze geklärt, vermutet wird jedoch, dass der Austausch von Botenstoffen ein Vokabular bildet. Und damit die Grundlage für eine Kommunikation. Eine chemische Sprache, sozusagen.

Weitere Infos finden sich hier und hier.

American Association for the Advancement of Science

Wenn Ton und Bild nicht zusammen passen

Klänge gehören zu Gegenständen. Menschen assoziieren mit Dingen bestimmte Laute. Wir haben die Erfahrung gemacht, das ein Hund bellt, eine Hupe hupt, ein Scheibenwischer quietscht. Wir erwarten gewohnte Laute, wenn wir wir Hunde, Scheibenwischer oder Wasserhähne sehen.

Handys machen sich diesen Umstand zu Nutzen. Deren Klingeltöne lassen sich gegen Musik oder allerlei mehr oder weniger originelle Geräusche austauschen. Richtig eingesetzt sorgt das Klingeln (das keines mehr ist) für Überrascht.

Geräusche die nicht zum Gegenstand passen hat die ägyptische Agentur Fortune Promoseven für das Soundstudio „Frequency“ visualisiert, die selber auch das Sounddesign übernahmen.

Die Idee ist nicht neu. Wer solche akustischen Experimente mag, der sollte auch das Werbevideo anschauen (pardon: anhören), das Chris Cunningham 1998 für den Radiosender XFM ablieferte.

[via]

Lido: Unhörbare Unterwasserwelt hörbar gemacht

Das Projekt LIDO (listen to the deep ocean environment) zeichnet Ereignisse akustisch auf, die sich im Ozean abspielen. Viele dieser Ereignisse, von denen ein Dutzend in der Bibliothek von LIDO hörbar sind, sind eher unspektakulär, einige für ungeübte Ohre gar nicht richtig wahrnehmbar.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt LIDO im März 2011. Messstationen des Netzwerkes waren nämlich dabei, als sich das große Beben vor Japan ereignete. Und weil so ein Beben für das menschliche Ohr nicht hörbar ist, haben die Wissenschaftler einen Trick angewendet, um das Beben wahrnehmbar zu machen: Die Aufnahme wird 16 mal schneller abgespielt. Damit rücken die Bebenwellen in den hörbaren Bereich des menschlichen Gehörs.

Das Ergebnis ist ein bedrohliches Akustik-Kulisse.
Man erreicht die Aufnahme des Bebens und von zwei Nachbeben links über die Navigation unter Sound Libary.

listen to the deep ocean environment

Nachhall entscheidet über Wohl oder Unwohl

Wenn der Alm-Öhi ins Tal ruft und „Heidi“ nach einigen Sekunden wieder zurück schallt, dann ist Nachhall schuld. Der Schall wird von günstig stehenden Bergwänden reflektiert. Durch die Dimensionen der Bergwelt und den wenigen schallschluckenden Oberflächen ist der Hall sehr deutlich hörbar. Und einen neuen Namen bekommt er auch: Hall heißt in den Bergen Echo.

Viel weniger deutlich hörbar sind Hall oder Nachhall (was im Grunde dasselbe bezeichnet) im täglichen Leben. Macht er uns in der Bahnhofshalle das Leben schwer, indem er uns das verstehen der Durchsagen beinahe unmöglich macht, so sorgt Nachhall in den meisten Situationen für (Un-)Wohlsein, ohne dass wir ihn wahrnehmen.

Es gibt Räume, in denen wir uns nicht wohlfühlen, ohne dass wir erklären könnten warum. Obwohl Einrichtung und Dimensionen es eigentlich gut mit unseren Augen meinen, stimmt etwas nicht. Und das ist vielleicht der Nachhall im Raum. Ein Artikel der Onlineausgabe der Welt befasst sich mit dem Phänomen „Unwohlsein in Räumen mit Nachhall“.

In großen Kirchen lässt sich Nachhall eindrucksvoll erleben. Wie das funktioniert macht eine Episode von Kopfball sehr deutlich.

Falsch verstanden: Ohrensand und alter Keks

YouFM ist ein Jugendkanal des Hessischen Rundfunks und beauftragte bei Coldmirror eine Videoserie. Hinter Coldmirror steckt Kathrin Fricke, die hohe Ansprüche an ihre Zuschauer stellt: „Man braucht mindestens 7 Gehirne, um den Sinn meiner Videos zu verstehen.

Und damit wären wir auch schon beim Thema: Coldmirrors Misheared Lyrics ist der perfekte Hörverlustsimulator. Der Versuch, einem normalhörenden Menschen zu erklären, wie schlecht sein gegenüber aufgrund seines Hörschadens versteht, ist in aller Regel zum Scheiten verurteilt. Die Einsicht vergeht sich nämlich meist in Extreme: „Der hört doch noch ganz gut“ oder „Der der ist taub„.

Dabei ist die Problematik der meisten schwerhörigen Menschen folgende: Sie hören recht gut, sie verstehen jedoch nicht richtig. Die Folge: Höchste Konzentration und der Versuch, aus dem Gehörten etwas sinnvolles zu assoziieren. Oft genug nicht das, was der Absender meinte.

Hier kommt Coldmirrors Videoserie gerade richtig, um zu erklären, was es mit dem „gut hören, aber schlecht verstehen“ auf sich hat. So kann man sich als Normalhörender in etwa vorstellen, wie es Menschen mit Hörverlust nur allzu oft geht. Als Beispiel sei hier mal der Song des türkischen Sängers Ismael YK gezeigt, der das ganze Ausmaß deutlich macht – mit dem „gesunden Streuwagen“ und einer Menge „Ohr-Salz“:

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